Herausforderung Digitalisierung

Big data

(Themen: Informelle Selbstbestimmung, Konsum, Überwachung, Soziale Netzwerke)

Diesen Text sprach ich größtenteils in meine Google Notizen ein. Die Google Notizen sind mir ein treuer und zuverlässiger Begleiter, auf dem Smartphone sowie dem Desktop und dem Tablet. Ich lege mir Listen an, mache mir Notizen und speichere mir wertvolle Links. Wenn ich Termine habe, dann trage ich diese in den Google Kalender ein, der geschickterweise mit dem Kalender meiner Frau synchronisiert ist. Wenn ich wohin fahren möchte, dann schaue ich mir das auf googlemaps an. Ach ja, ein google-Konto habe ich selbstverständlich auch.

Und wenn ich etwas im Internet suche, dann verwende ich ecosia, die Suchmaschine, die Bäume pflanzt. Ich vertraue auf die Aussage von ecosia, dass Sie einen Algorithmus verwenden, mit dem auch Google arbeitet. Weil ich der Überzeugung bin, dass ich mithilfe von Google die besten und mich für mich relevantesten Ergebnisse erhalte.

Warum führe ich das aus? Weil ich ein Beispiel dafür geben möchte, wie selbstverständlich und normal digitale Anwendungsmöglichkeiten, die kostenlos bereitgestellt werden, genutzt werden (können). Und zwar gewinnbringend genutzt werden, vereinfachen sie doch Arbeit und den Alltag. Kostenlose Dienste kosten immer etwas. Sie sind mitnichten kostenlos. Sie kosten die Informationen über mich, sie kosten Privatsphäre, unter Umständen kosten sie die Freiheit.

Als im Jahr 2014 viele Menschen in der Ukraine demonstrieren gingen, erhielten sie eine SMS, in der stand: „ Sehr geehrter Kunde, Sie sind als Teilnehmer eines Aufruhrs registriert.“ Mithilfe der Geodaten und einem willigen Netzbetreibers hatte die Regierung Echtzeitinformationen über die Teilnehmenden an den Demonstrationen.

Ein Vater in Amerika hat sich beim Geschäftsführer einer Supermarktkette beschwert, weil er so viel, in seinen Augen, nutzlose Werbung für Schwangere erhalten würde. Er wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass seine Tochter schwanger war. Der Algorithmus, der die Einkäufe seiner Tochter auswertete, die ja alle gespeichert und verarbeitet werden, wusste mehr als er und sendete der Familie die personalisierte Werbung.

Erste Startups arbeiten an gezielter Werbung per bluetooth, die in Geschäften eine Nachricht auf das Smartphone sendet, dass man besondere Angebote erhalten würde, wenn man diese Nachricht akzeptiert. Das durch das Akzeptieren unter Umständen auch manch andere Informationen ausgelesen werden können, darüber schweigt man sich aus.

Die Selbstvermessung und Selbstoptimierung ist das neue große Ding. Wir stellen den Firmen nun auch noch unsere Körperdaten zur Verfügung. Also geben wir nicht nur Daten zu unserem Aufenthaltsort, Beziehungsstatus, politischer Einstellung oder unseren Hobbies preis, sondern auch noch über unsere sportliche Betätigung, unsere Pulswerte und optional auch noch Schlafdauer, Blutdruck oder sogar Urinwerte über spezielle Apps.

Erste Versicherungen in Amerika, wie beispielsweise der amerikanische Lebensversicherer John Hancock, geben nur noch Policen an Kunden aus, die mit ihnen ihre Gesundheitsdaten teilen. Das nächste wäre die zusätzliche Auswertung der Geodaten des Kunden durch die Krankenversicherung, ob sie oder er sich denn nicht in gefährlichem Gebiet aufhalten würde. Wollen wir ein solches Leben?

Im Jahr 1987 wollte die Bundesregierung die EinwohnerInnen Deutschlands statistisch erfassen. Dies sollte aufzeigen, wo politischer Handlungsbedarf besteht, z.B. in der Sozial- oder Wohnungspolitik oder dem Straßenbau. Der Volkszählung in Deutschland waren massive Proteste vorausgegangen. Die BürgerInnen hatten die Sorge, dass sie zum „gläsernen Bürger“ werden würden. Sie fürchteten den Missbrauch der zur Verfügung stehenden Daten. Auch das Bundesverfassungsgericht wurde angerufen und hat unter Anderem diesen Leitsatz formuliert: „Das Grundrecht gewährleistet (..) die Befugnis des Einzelnen, grundsätzlich selbst über die Preisgabe und Verwendung seiner persönlichen Daten zu bestimmen.“ Ein richtungsweisender Richterspruch (Aussage???). Keiner kann mich zwingen, noch nicht. Der Krankenversicherer John Hancock in den USA tut dies bereits, er versichert nur, wenn man den mit dem Konzern verbundenen Fitnesstracker nutzt. Versicherte bekommen Preisnachlässe zum Beispiel bei Amazon, wenn sie regelmäßig Sport treiben und dies auf ihrem smartphone dokumentieren.


Was man mit den vermeintlich wenig Daten, die manch Zeitgenosse Facebook für die Nutzung des Dienstes überlässt, herausfinden kann, ist bemerkenswert. Der Psychologe Michal Konsinski bewies 2012, dass man aus circa 68 Facebook-likes in 95% der Fälle die Hautfarbe vorhersagen kann, und mit 88 prozentiger Wahrscheinlichkeit, ob er oder sie homosexuell ist. Aus 300 likes könne man Vorhersagen für die Zukunft über diesen User treffen.

Und was machen wir mit all diesen Informationen? Nichts. Wir stellen uns eine Abhöreinrichtung ins Haus. Die Sprachassistenten sammeln Daten. Anscheinend nur, wenn ich das Codewort „Alexa“ sage. Aber egal, mein Handy habe ich ja immer dabei. Das lauscht ja auch und sammelt Daten.

Die auf Gewinn ausgerichtete Industrie nimmt dankend an. Mehr Geld zu verdienen ist, neben den politischen Einflussmöglichkeiten durch Daten (z.B. die Wahl von Obama und nun Trump auf der Basis einer digitalen Marketingpraxis, die auf gesammelten Daten über BürgerInnen beruhte), eine von vielen Möglichkeiten der Nutzung dieser riesigen Datenmengen – von eben “Big Data”. Und das kann durchaus beunruhigen.

DieserText von mir ist, neben Texten anderer Autoren, in diesem reader hier zu finden.

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