Zweitzeugen in Ethik

Heute hatte ich an meiner Schule mit meiner Klasse 10 in Ethik einen dreistündigen Besuch vom Verein Heimatsucher, der sich die Weitergabe der Lebensgeschichten von Holocaust-Überlebenden verschrieben hat. Heimatsucher e.V. interviewt Zeitzeug*innen des Holocaust, dokumentiert ihre Geschichten und erzählt sie dann in Schulklassen und in ihrer Ausstellung weiter.
Nach dem Einstieg mit der Abfrage, was denn Jugendliche so an einem ganz normalen Tag tun und dem Legen der entsprechenden Aktivitäten auf dem Boden als Karten folgt der thematische Einstieg dahingehend, dass Gesetze aus dem Nationalsozialismus einzeln verlesen wurden. Dann drehten wir die entsprechende Aktivitätenkarte auf dem Boden um, sie lag dann durchgestrichen da. So stellten die Jugendlichen Schritt für Schritt fest, dass Jüdinnen und Juden völlig entrechtet und aus der Gesellschaft ausgeschlossen wurden.
Immer wieder kamen wir an Punkte, an denen kurz diskutiert und gesprochen wurde. So besprachen wir beispielsweise, dass das Wort Judenstern eine Wortschöpfung aus dem Nationalsozialismus ist und dieses Symbol in Wirklichkeit der Davidstern ist. Wir stellten fest, das Gut und Böse zu unterscheiden zuweilen sehr schwierig sein kann. Wir sprachen die Entnazifizierung an und diskutierten ob das denn geht, von einer Schuld schriftlich freigesprochen zu werden.
“Hitler war nicht an allem schuld, das waren doch eigentlich die Deutschen!”
Schüler, 10. Klasse
Da wir in Laupheim, wo sich meine Schule befindet, vor den Nazis über eine sehr große jüdische Gemeinde verfügten, die Stadt auch eine Synagoge hatte und wir ein sehr engagiertes Museum zur Geschichte der Christen und Juden in Laupheim haben, können unsere Schüler doch auf unterschiedliches Hintergrundwissen zurückgreifen. So stellten wir fest, dass sich die meisten Jüdinnen und Juden sich zuallererst einmal als Deutsche gefühlt hatten und durchaus auch völlig unreligiös gewesen sein konnten, bis sie von der nationalsozialistischen Diktatur zum lebensunwürdigen Feindbild gemacht wurden.
Dann wurde uns die Lebensgeschichte eines heute in Frankfurt lebenden ehemaligen Partisanen erzählt. Von seiner Geburt 1922 an wurde uns sehr empathisch seine Lebensgeschichte erzählt. Die Jugendlichen und ich wurden in ein Leben mitgenommen. Das Leben eines Mannes jüdischen Glaubens, der den Holocaust überlebt hat. In das Leben eines Mannes, der als Partisan 1000 km zu Fuß bis an die Adria lief um dort die englische Flotte zu treffen, was aber nicht klappte. Die Lebensgeschichte eines Mannes, der die Bücherverbrennung miterleben musste. Und das Leben eines Mannes der selbst im Widerstand getötet hat.
“Entweder wir oder sie.”,
antwortete er auf die Frage nach dem Töten im Krieg.
Heute lebt er mit seiner Frau in Frankfurt, die beiden Kinder leben auch in Deutschland. Sein Wunsch ist es, dass die jungen Menschen die anderen Menschen nicht nach ihrer Religion und Herkunft beurteilen, sondern nach ihren Entscheidungen.
Immer wieder sind wir von der Lebensgeschichte in der Diskussion weggegangen und haben einzelne Punkte besprochen. So wurde insbesondere die Frage diskutiert, ob der das Töten von Nazis als Partisane nicht gleichzusetzen sei mit dem, was die Nazis gemacht haben. Wir kamen immer wieder an große schwere Fragen, die heute philosophisch diskutiert wurden.
Im Anschluss an die Lebensgeschichte wurden wir eingeladen Briefe an diesen noch lebenden Zeitzeugen zu schreiben. Ich habe auch einen geschrieben. Mir wurde gesagt, dass Lehrer das wohl selten machen. Erstaunlich.
Die Lebensgeschichte ging mir sehr nahe. Noch mehr geht mir aber der Gedanke nah, dass er meinen Brief lesen wird. Ich freue mich sehr, dass ich ihm auf diesem Weg meine Hochachtung und mein Respekt für seinen Mut und seinen Widerstand ausdrücken kann.
Ein sehr beeindruckendes Projekt, welches der Verein Heimatsucher anbietet und durchführt. Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr dieses Projekt auch an eure Schule holt!

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