Fünfzehn Sekunden Gedanken eines Sportlehrer

Aufgrund diverser konstruktiver Reaktionen auf diesen Blogbeitrag folgender Hinweis: Der Text kann plakative Zuspitzungen enthalten.”
An einer fiktiven Schule für fünfzehn Sekunden im Kopf eines fiktiven Sportlehrer.
“Herr Mustermann, muss ich das?”
“Ich mache das nicht!”
Solche Sätze hört man im Sportunterricht sehr oft. Das ist doch schrecklich! Mitmachen will doch jeder. Gewinnen will doch jeder, wann und warum haben diese Kinder aufgegeben? Und woher kommt diese unglaublich selbstbewusste arrogante Haltung, einfach des Lehrers Bitte und Anweisung zu verweigern?
Gleichzeitig ein großes Lob für dieses Selbstbewusstsein! Ja, man möchte sagen, das stimmt genau – man muss nicht alles.
“They say jump you say how high!”
Also, was machen wir jetzt damit?
Motivieren und sagen, dass das Team ohne ihn nicht auskommt oder direkt kongruent anmaulen, was er sich denn raus nehmen würde oder einfach feiern, dass da einer widerspricht und sagt, er will das nicht.
Die Situation um diese Verweigerung herum gestalten sechsundzwanzig lärmende Kindern, die sich wahlweise gegenseitig das Bein stellen, sich schubsen, miteinander flüstern, einen Softball jemand anders gezielt an den Kopf werfen oder einfach nur in die Luft gucken. Ein Pfiff mit der Schiedsrichterpfeife sorgt für die notwendige Ruhe um mit dem Verweigerer zu sprechen.
Und jetzt steht da dieser Junge immer noch da, schaut und sagt, dass er dies nicht machen werde.
Ja, geht’s denn noch? Da stimmt doch schon von zu Hause was nicht. Die “Ich mache das nicht!” erinnert stark an die Kinder, die den Aufräumdienst verweigern mit dem Hinweis darauf, dass sie keine Putzfrauen seien oder zu Hause doch welche haben. Hakt es?
Der Junge beharrt trotz einem sehr ernsten Blick des Lehrers darauf, er mache das nicht. Ist es denn so, dass sich solche Kinder schon damit abgefunden haben, dass sie in einer bestimmten Sportart nichts reißen? Ist es der Vorgriff auf etwaige Verletzungen oder Demütigungen? Ist es eine Verhinderungsmaßnahme, ein sich selber aus der Schusslinie nehmen? Oder haben da erwachsene Bezugspersonen einfach was vermasselt, wenn es um Durchsetzungsfähigkeit, Mut und Willen geht?
Vor ein paar Jahren gab es eine Initiative, die die Bundesjugendspiele abschaffen wollte. Die waren auch von der Fraktion “Das mache ich nicht.”. Das Hauptargument war, dass es nur um Leistung gehe und nicht so sehr um das Miteinander. Worum geht es denn im Sport, wenn nicht um das Siegen? Wenn ich alleine Sport mache, den sogenannten Individualsport, dann geht es doch durchaus darum mich selbst zu besiegen, besser zu werden in dem was ich tue. Es geht um Ziele. Wenn ich mit anderen Sport mache, wie beispielsweise mein geliebtes Alt-Herren-Tennis oder Mountainbike fahren, dann mache ich das natürlich mit dem Gedanken, dass da welche besser sind. Aber ich selbst möchte auch immer besser werden und lasse mir auf der Strecke oder auf dem Platz doch nicht von einem anderen den Schneid abkaufen, wenn ich es verhindern kann.
Das Miteinander passiert immer, wenn man sich einbringen möchte und es auch tut. Sich selbst rauszunehmen durch nicht mitmachen und “Ich mache das nicht!” zerstört Miteinander.
Verlieren, ohne sich anzustrengen, macht doch keinen Spaß. Sich selbst mal ein vergeigtes Spiel schönzureden, ist nur möglich, wenn man auch alles gegeben hat. Da passt doch ein “Das mache ich nicht!” auf keinen Fall rein.
Was ist das für ein Selbstbild dieses Jungen? Und während ich überlege, rennt ein kleiner Junge quer durch die Halle und brüllt aus Leibeskräften, dass er dem Einen, welcher vor ihm davonrennt, jetzt aber gleich ordentlich eins in die Fresse hauen werde.
Natürlich war es verlockend auch mal “Ich mache das nicht!” zu denken und auszuführen. Aber da rührt sich sofort meine menschliche und professionelle Haltung und ich ziehe beide auseinander. Ich weise sie eindrücklich darauf hin, dass ich in meinem Sportunterricht keine Gewalt akzeptiere. Ich fordere die Schüler auf sich die Hand zu geben und sich zu entschuldigen.
Der Lesende kennt bereits die Antwort.
“Mache ich nicht.”

5 Kommentare

  1. >Mitmachen will doch jeder. Gewinnen will doch jeder
    Gesprochen wie ein echter Sportlehrer. Denn: nein.
    Die Parallelen zwischen der Verweigerung beim Sportunterricht mitzumachen, beim Verweigern des sinnvollen Dienstes an der Gemeinschaft (Ordnung halten) und beim – nur angedachten – Verweigern, seinen bezahlten Beruf auszuüben, die halte ich für nicht statthaft.
    Ich wollte auch als Jugendlicher auch mitmachen. Aber nicht bei allem, und nicht mit jedem. Wieso sollte ausgerechnet beim Sport jeder mitmachen wollen? Zumindest ich hatte damals genug andere Mitmachgelegenheiten.
    Und gewinnen – auch das hatte ich anderswo, aber eh nur auf irgendwelchen Metaebenen. Gespielt haben wir Fantasy- und Horror-Rollenspiele und Brettspiele, sechs und acht Stunden auf einmal. Da war Gewinnen das Unwichtigste (und bei Rollenspielen eh die falsche Kategorie).

    1. Vielen Dank Kollege Rau für deinen Kommentar. Ich weise darauf hin, dass auch ich eine Verweigerung unterschiedlich bewertet. Ich finde es beeindruckend, wenn sich Kinder und Jugendliche einer Autorität widersetzen. Anderseits halte ich es für nicht richtig sich zu weigern, wenn man auf ein Spiel oder eine Entschuldigung, aus welchen Gründen auch immer, keine Lust hat. Und gewinnen will doch jeder. So oder so. Davon bin ich überzeugt. Nur trauen sich manche nicht es anzugehen. Dabei muss sie der echte Sportlehrer unterstützen und nicht die Verweigerung tolerieren.

  2. Der Beitrag ist zwar nicht mehr ganz neu, aber noch immer aktuell. Ich habe einige Anmerkungen aus der Perspektive einer ehemaligen Schülerin.

    Sie machen offenbar den Fehler den viele (alle?) Sportlehrer machen: Sie überschätzen die Bedeutung des Sports im allgemeinen und die des Sportunterrichts im besonderen. Zunächst hinkt Ihr Vergleich mit dem Kind das sich weigert daheim aufzuräumen. Natürlich hat jeder nicht nur Rechte oder auch Pflichten. Wer das Geschirr benutzt, muß auch bereit sein, es zu spülen und wegzuräumen, den anderen Arbeit zu machen, ohne sich an der Arbeit zu beteiligen, ist in der Tat unsolidarisch. Ebenso verhält es sich mit einer Sportlerin die in einer Volleyballmannschaft spielt und sich weigert, an einem Turnier teilzunehmen, weil sie an dem Tag lieber ausschlafen will. Die läßt ihre Kameradinnen im Stich, schadet ihnen, das ist klar. Allerdings erfolgte hierbei die Entscheidung im Volleyballteam mitzuspielen, freiwillig. Anders im Sportunterricht. Wem schadet denn der Schüler (aus praktischen Gründen benutze ich jetzt das generische Maskulinum,), wenn er sich verweigert. Sicher, der Mannschaft, die vielleicht verliert, wenn er nicht richtig mitmacht. Aber das ist kein Turnier, bei dem es etwas zu gewinnen gibt. Sein Pech, wenn er eine Sechs kassiert. Ich gehe davon aus, daß der Sportlehrer bei der Benotung von den persönlichen Leistungen ausgeht und die guten Sportler nicht mit einer Sechs bestraft, weil sie das “Pech” haben, in der Verlierermannschaft mitgespielt zu haben.

    Sie schreiben, jeder wolle schließlich gewinnen. Auch gegen sich selbst. Kommt ganz darauf an. Es ist eine bei Sportlehrern recht beliebte, wenngleich nie bewiesene, These, daß man beim Sportunterricht, und offenbar nur dort, Gewinnen, Verlieren, Fairness und Teamfähigkeit lernt. Gut, man kann es dabei lernen, doch es geschieht nicht zwangsläufig. Es gibt so viele Gelegenheiten seinen Ehrgeiz zu schulen, zu lernen, den inneren Schweinehund zu überwinden, zu gewinnen. Darauf hat der Sport kein Monopol. Ich konnte schon immer durchaus ehrgeizig sein, ich war immer schrecklich wütend auf mich, wenn ich im Diktat oder bei der Vokabelarbeit einen halben Fehler hatte, auch wenn es noch zur Eins reichte. Ich war sehr ehrgeizig, wenn ich ein Stück von Bach oder Telemann einübte und bei Quizwettbewerben ist der zweite Platz keine Option für mich. Nur im Sport hatte ich null Ehrgeiz, es war mir egal, wenn ich als Letzte ins Ziel kam oder beim Kugelstoßen die Erste von hinten war. Ich habe mich eben nie für Sport interessiert. Zum Unverständnis meiner diversen Sportlehrer interessierte ich mich auch nie für Olympia oder andere Sportwettkämpfe, weil ich Sport stinklangweilig finde. Und Teamfähigkeit, Fairness? Warum sind so viele Leistungssportler (und gute Amateursportler die ich kenne), asoziale A…..? Tatsächlich ist das Mobbing im Sportunterricht oftmals schlimmer als anderswo gerade weil hier auch körperliche Aspekte eine Rolle spielen, und leider unterstützen dies viele Ihrer Kollegen durch Wegsehen oder sogar durch aktive Unterstützung der Mobber (Stichwort Körperscham). Sie schreiben hier von Schülern die sich Bälle an den Kopf werfen. Stichwort: “Völkerball”. Aus unerfindlichen Gründen kommen Lehrer manchmal auf den Gedanken, pubertierende Jungen gegen pubertierende Mädchen antreten zu lassen. Wenn die Lehrer wenigstens einschreiten würden, wenn die Jungen den Mädchen gezielt den Ball auf die Brust werfen. Aber dann kommen wieder Sprüche, wie “Stell dich nicht so an.” Und dann wundern sie sich wenn Schüler sich dem Völkerball verweigern! Das was man angeblich nur im Sport lernen kann, kann man auch anderswo lernen. Zum Beispiel bei musikalischen Aufführungen. Alle arbeiten hart als Team miteinander, gewonnen hat man nicht, indem man einen Gegner besiegt (und demütigt wie es im Sport leider oft geschieht), sondern indem man möglichst perfekt spielt.

    Sie erwähnen die Petition gegen die Bundesjugendspiele. Es ging dabei nicht darum, diese zu verbieten. Auf freiwilliger Ebene sind sie sinnvoll, so wie Sportfeste. Aber warum muß es außerhalb des Sportunterrichts einen verpflichtenden! Sportwettbewerb geben? Es gibt schließlich auch keinen verpflichtenden Musikwettbewerb außerhalb des Musikunterrichts, oder eine verpflichtende Mathematikolympiade (gab es in der DDR).

    Ich habe als Schülerin auch andere Fächer nicht gemocht, aber dennoch begriffen, daß es durchaus sinnvoll ist, mathematische Formeln zu lernen. Wozu aber eine Übung am Stufenbarren? Das konnte mir nie ein Sportlehrer erklären. Auch wenn Sie es ironisch meinten, dem Schüler der sich einer sinnlosen Übung verweigert gebührt Hochachtung. Kadavergehorsam bringt uns nicht weiter (es hat schon einen Grund, weshalb der Sport in Diktaturen einen besonders hohen Stellenwert hat).

    Theoretisch soll der Sportunterricht dem Bewegungsmangel vorbeibeugen, bzw. ihn beseitigen und die Schüler dazu ermutigen, auch Sport zu treiben. Praktisch sieht es so aus, daß eine Sportmuffelkarriere bereits in der Schule beginnt. Wer den Sportunterricht nur als eine mit Mobbing und Schmerzen (und Sinnlosigkeit) verbundene Qual erlebte, wird nach Abschluß der Schule und dem Ende des verpflichtenden Sport”unterrichts” zu einem Schluß kommen: “Nie wieder Sport!”

    Wenn der Sportunterricht einen Sinn haben soll, muß er sich ändern. Der Lehrplan muß auf den Prüfstand, man muß nicht unbedingt auch Übungen machen, nur weil der Turnvater Jahn sie damals propagierte. Und vor allem braucht es Sportlehrer die echte Pädagogen sind und konsequent gegen Mobbing vorgehen. Ich weiß, auch Mathelehrer können unsensible A… sein, aber im Sport kommen noch die körperlichen Aspekte hinzu. Ein echter Pädagoge wird der Verweigerungshaltung auf den Grund gehen, denn nicht immer hat es etwas mit “Null-Bock-Mentalität zu tun. Das Problem ist natürlich, daß ein Sportlehrer wohl immer gut im Sport war und die Gründe der Sportangst, denn oft ist Angst im Spiel, bei Schülern nicht so recht nachvollziehen kann.

  3. Hallo!
    Vielen lieben Dank für deinen ausführlichen Kommentar, den ich so stehen lasse. Nur ein paar Anmerkungen. Ich bin der Meinung, dass alle gewinnen möchten, es gibt aber Kinder und Jugendliche, die es aus unterschiedlichen Gründen aufgegeben haben. Diese Gründe mögen sehr früh in der Kindheit zu finden sein, nichts geschieht ohne Grund. Das kann den jungen Menschen auch nicht vorgeworfen werden.
    Sportunterricht soll vor Allem Spaß machen, er soll die Freude an der Bewegung und der Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper anbahnen und fördern.
    Schüler, die absichtlich Andere demütigen, mobben oder den Ball an Kopf oder Weichteile werfen, erhalten sofort eine Konsequenz. Im Sportunterricht müssen sich alle Schüler:innen wohl und sicher fühlen können, das ist eine der ersten Ansagen im Schuljahr und durchgehende Regel. Und ja, es gibt junge Menschen, die mit Sport nichts anfangen können. Für diese müssen Herausforderungen und Zugänge gestaltet werden, die sie motivierend finden.

  4. Ich finde es erstmal schon gut, wenn Sie auf Mobbing mit sofortigen Konsequenzen für die Mobber reagieren, das ist nicht selbstverständlich. Ich habe auch nicht behauptet, daß niemand je gewinnen möchte. Nur möchte eben nicht jeder überall gewinnen. Gerade dieses gewinnen müssen, wirkt auf viele Sportmuffel eher demotivierend. Die Motivation kommt nicht durch Zwang. Wenn ein Schüler unter Höhenangst leidet, dann ist es genau die falsche “Therapie” ihn zu zwingen die Stange hochzuklettern oder eine Rolle am oberen Holm des Stufenbarrens zu machen (eine Übung die ich tatsächlich verweigert habe). Und wenn man bei dreißig Grad Hitze noch fünf bis zehn große Runden (1000 bis 2000 m) auf dem schattenlosen Sportplatz laufen muß, obwohl man Temperaturen über 25 Grad schon unerträglich findet (was bei mir Übelkeit, Schmerzen in der Lunge und ein akutes Gefühl von Depression auslöste) wird man bestimmt kein Sportfan mehr.

    Ich vermute, Sie als Sportlehrer können sich nicht vorstellen, daß jemand wirklich null Interesse an Sport hat? Bei mir erstreckt sich das Desinteresse nicht nur auf die aktive sportliche Betätigung, ich finde es auch langweilig anderen beim Sport zuzuschauen, die diversen Sportübertragungen, gleich ob Olympia, Leichtathletik-WM, Biathlon, Tennis, Fußball oder was auch immer finde ich gähnend langweilig, die Geschmäcker sind eben verschieden.

    Die einzige Sportlehrerin die mich hat motivieren können hatte ich im dritten Lehrjahr. Bei ihr gab es nur eine Regel: wir mußten uns im Unterricht bewegen, konnten uns aber aussuchen, was wir machen. Ich meine auch nicht, daß man Leichtathletik und Ballsportarten grundsätzlich aus dem Lehrplan streichen sollte. Nur sollte eben kein Zwang dahinterstecken.

    Meinen größten sportlichen Erfolg hatte ich übrigens beim Völkerball. Ich war immer eine der letzten im Feld, einige Male sogar die Allerletzte. Einfach deshalb, weil ich keine Anstalten machten mich zu bewegen, wegzulaufen und bekanntlich macht es nur Spaß, diejenigen abzuschießen, die nicht getroffen werden wollen.

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