Was Pygmalion und Golem mit der Bildung zu tun haben

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Letztens stand ich beim Shoppen mit meiner Frau in der Gegend herum und scrollte auf LinkedIn herum. Dabei stieß ich auf einen Beitrag, den ich jetzt leider nicht mehr finde. Es ging darin um den sogenannten Pygmalion-Effekt. Und alle Lehrer:innen sollten über diesen (und das böse Gegenteil) Bescheid wissen.

Der Pygmalion-Effekt ist ein psychologisches Phänomen, bei dem sich eine vorweggenommene Einschätzung eines Schülers derart auf seine Leistungen auswirkt, dass sie sich bestätigt. Er geht auf ein Experiment von Robert Rosenthal und Lenore F. Jacobson zurück. Der Name entstammt der mythologischen Figur Pygmalion. Rosenthal und Jacobson wiesen experimentell nach, dass Lehrende, denen suggeriert wird, einige Schüle:innen seien besonders begabt, diese unbewusst so fördern, dass sie am Ende tatsächlich bessere Leistungen erbringen.

Im Jahr 1965 untersuchten die US-amerikanischen Psychologen Robert Rosenthal und Lenore F. Jacobson in einem Feldexperiment die Interaktionen zwischen Lehrer:innen und Schüler:innen an einer Grundschule. Die Schule war dreizügig. Es gab einen schnellen, einen mittleren und einen langsamen Zug. Dies ist bei öffentlichen Grundschulen in den USA nicht selten (erinnert irgendwie an unser Schulsystem). Den Lehrern wurde vorgespielt, dass die Leistungspotenziale der Kinder auf Basis eines wissenschaftlichen Tests eingeschätzt werden sollten. Durch diesen Test würden, so die Schilderung gegenüber den Lehrer:innen, die 20 Prozent der Schüler:innen einer Schulklasse identifiziert werden, die kurz vor einem Entwicklungsschub stünden. Bei diesen Schüler:innen sei im folgenden Schuljahr mit besonderen Leistungssteigerungen zu rechnen. In Wirklichkeit wurden die 20 Prozent der Schüler:innen jedoch ohne Wissen der Lehrer:innen per Los ausgewählt.

Aus meiner pädagogischen Ausbildung ist mir das Konzept der selbsterfüllenden Prophezeiung schon sehr lange bekannt. Eine selbsterfüllende Prophezeiung ist eine Vorhersage, die durch das Verhalten der Menschen, die an sie glauben, tatsächlich eintritt (ein klassisches Beispiel ist: „Pass auf, du wirst herunterfallen!“). Eine Erwartung (die Prophezeiung) beeinflusst das Verhalten, welches wiederum dazu führt, dass die Erwartung Realität wird. Dadurch entsteht ein positiver oder negativer Rückkopplungsmechanismus. Dieser Effekt ist häufig unbewusst, kann aber durch das Hinterfragen von Glaubenssätzen, das Ändern des Verhaltens und das gezielte Suchen nach positivem Feedback durchbrochen werden. Im Vordergrund in meiner Ausbildung damals stand die negative Seite, der Golem-Effekt.

Während ich drei Oberteile festhielt, habe ich weiter recherchiert, da ich sehr interessiert war. Der Pygmalion-Effekt hat ein böses Gegenteil. Der Golem-Effekt besagt, dass negative Erwartungen einer Autoritätsperson (z. B. Vorgesetzte oder Lehrende) zu verminderten Erwartungen der untergebenen Person an sich selbst führen und damit die Leistung und das Vorankommen stark beeinträchtigen. Benannt wurde dieser Effekt nach der mythischen Figur Golem aus der jüdischen Mythologie. Ursprünglich wurde der Golem erschaffen, um als Beschützer zu dienen. Da er jedoch korrupt und gewalttätig wurde, musste er zerstört werden.

Die selbsterfüllende Prophezeiung bedeutet: Erwartungen sind nicht neutral, sondern performativ. Wer als Lehrkraft, Schulleitung oder Bildungssystem Menschen bestimmte Möglichkeiten zuschreibt, gestaltet deren Realität entscheidend mit. Bewusste Erwartungshaltung, wertschätzendes Feedback und ein ressourcenorientierter Blick sind deshalb keine „Soft Skills“, sondern zentrale Bedingungen für Lern- und Bildungserfolg.

In einer agilen, kompetenzorientierten Bildung gewinnt der Pygmalion-Effekt noch mehr Gewicht: Wenn Schüler:innen Eigenverantwortung übernehmen sollen, brauchen sie Zutrauen und eine Kultur des „Du kannst wachsen“. Wenn ich an die Schüler:innen glaube, gebe ich ihnen kniffligere Aufgaben, erkläre geduldiger und freue mich über Teilerfolge. Meine Erwartung „macht“ Realität.

Der Golem-Effekt mahnt uns, dass auch subtile Signale wie „Das ist nichts für dich“, „Das wirst du nie verstehen“ oder die gleichgültige oder resignierte Haltung, dass aus denen ja sowieso nichts werden kann, Lernbiografien nachhaltig beschädigen können.

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