Work out loud: Mein Unterricht mit Thinking Classrooms

Lesedauer ca. 4 Minuten

03.09.2025

Ich arbeite seit 12 Jahren im Schuldienst. Zuvor habe ich als Streetworker und in pädagogischen Projekten gearbeitet. Ich habe Stadtranderholungen geleitet und viele sozialpädagogische Projekte initiiert. Es ging und geht mir immer darum, jungen Menschen eine Bühne zu bieten, Lern-, Erfahrungs- und Erlebnisräume zu schaffen, in dem sie die Chance haben, zu wachsen. In dem sie Dinge ausprobieren und Erfahrungen mit sich selbst sammeln können. Zu lernen, dass man jemand ist und dass man die Dinge beeinflussen und in die Hand nehmen kann.

Da lief mir auf einmal das Buch „Thinking Classrooms“ über den Weg. Es kam im gleichen Verlag heraus in der deutschen Übersetzung wie meine beiden Bücher, „Scrum in die Schule“ und „Agil unterrichten 1.1“. Und ich war der Haltung, dem Ansatz und der Methode sofort verfallen. Die Idee, dass Lernen nicht nur eine passive Aneignung von Wissen ist, sondern ein aktiver, kreativer Prozess, hat mich tief berührt.

In „Thinking Classrooms“ wird deutlich, wie entscheidend es ist, dass Schüler:innen in einem Raum arbeiten, der ihre Neugier und Kreativität anregt. Die Förderung von kritischem Denken und Problemlösungsfähigkeiten ist mir sehr wichtig. In meiner eigenen Unterrichtspraxis habe ich immer versucht, die Schüler:innen dazu zu bringen, selbstständig zu denken, Fragen zu stellen und Lösungen zu entwickeln, anstatt nur die Antworten aus einem Lehrbuch zu wiederholen. Und Schüler:innen, die selbstständig in Gruppen im Stehen arbeiten und ihr Lernen, ihr Denken, autonom gestalten können – ich bin Feuer und Flamme.

„Problemlösung ist das, was wir tun, wenn wir nicht wissen, was wir tun sollen.“

Peter Liljedahl

Ein zentrales Konzept von „Thinking Classrooms“ ist, dass das Denken sichtbar wird durch die vertikalen, nicht permanenten Flächen, mit denen die Zufallsgruppen an den herausfordernden Aufgaben arbeiten. Wenn Schüler:innen in Gruppen arbeiten, können sie voneinander lernen, ihre Perspektiven austauschen und gemeinsam Lösungen erarbeiten. (Kollege Christope erklärt die Methode hier erfrischend und stimmig).

Die Methode ist mir aber auch sehr sympathisch, weil sie den herkömmlichen Frontalunterricht aufbricht und Raum schafft für das Denken. Weg vom Nachmachen, Imitieren und Auswendiglernen hin zur Erkenntnis, zum selbstständigen Denken.

„Nachahmung führt tendenziell zu kurzfristigem Erfolg, ohne dass die Schüler langfristig lernen, Bezüge zu anderen Themen der gleichen und der folgenden Klassen herzustellen. So entwickeln sie nicht das Netz an Verbindungen, das ihnen hilft, Mathematik zu verstehen.“

Peter Liljedahl

Jetzt habe ich die Möglichkeit, die Methode in meinem ersten Matheunterricht einzusetzen. Bis jetzt habe ich als Fachoberlehrer Technik, Naturwissenschaft und Technik, Ethik, den Aufbaukurs Informatik und Sport unterrichtet. Durch einen Aufstiegslehrgang in Baden-Württemberg habe ich nun „die Möglichkeit des Erwerbs der Laufbahnbefähigung für den gehobenen Schuldienst der wissenschaftlichen Lehrämter nach einer berufsbegleitenden Nachqualifizierung am Seminar für Ausbildung und Fortbildung der Lehrkräfte“ (Mehr Infos). Das bedeutet, dass ich ab dem kommenden Schuljahr entweder Deutsch oder Mathematik unterrichten könnte. Ich habe mich für Mathe entschieden und freue mich sehr darauf.

Das wird sehr spannend und herausfordernd. Aktuell kreisen meine Gedanken unter anderem um folgende Fragen:

  • Wie schaffe ich als Fachlehrer die „Entfrontung“ des Unterrichts, wenn alle anderen Lehrkräfte so unterrichten?
  • Wie lange werden die Schüler:innen brauchen, bis sie sich auf die für sie ungewohnte Art des Unterrichts einlassen können? Welche Herausforderungen wird es geben?
  • Wie plane ich die Gestaltung des Flows und stelle ihn sicher durch die passende Art von Unterstützung, Förderung und Forderung?
  • Welche Karten für die Gruppeneinteilung nutze ich?
  • Wie soll das Plakat für die Regeln für die Arbeit in den Zufallsteams aussehen?

Die Whiteboardfolien sind bestellt, die VNPS (Vertical Non-Permanent Surfaces, auf Deutsch: Vertikale, nicht-permanente Oberflächen) werden noch von mir gebaut. Und jetzt geht es an die erste Doppelstunde. Mit einer Verlaufsskizze, wie vor vielen Jahren. Echt cool.

In diesem Tagebuch möchte ich jede Woche auf diesem Blog erklären, was ich gemacht habe, warum ich es so gemacht habe, und den Unterricht reflektieren. Ganz nach dem Motto „work out loud“ möchte ich so meine Arbeit sichtbar machen und mit denjenigen in Kontakt treten, die auch mit Thinking Classrooms arbeiten oder arbeiten wollen. Ich freue mich auf den Austausch!


📖 Mein Thinking Classrooms-Tagebuch 📖

15.09.2025 Erste Gedanken nach dem ersten Tag

22.09.2025 Zweite Doppelstunde

23.09.2025 Dritte Doppelstunde

01.10.2025 Gedanken nach der vierten Doppelstunde

27.11.2025 Update

8 Kommentare

  1. Oh, wie cool! Mich hat dieses Buch von der ersten Seite an gefesselt. Vor ein paar Monaten hatte ich zwei spannende Austauschrunden dazu. Ich bin super gespannt auf deine Erfahrungen und Schilderungen!

  2. Viel Erfolg und Spaß beim Denken und Denken lassen! Wir bauen gerade den zweiten Thinking Classrooms mit festen Whiteboards in der Schule. Für mich ist das eine tolle Ergänzung mit vielen großartigen Erfahrungen.
    LG Silke

    1. Hallo Silke, ihr arbeitet also schon mit TC! Toll! Wir habt ihr die Entfrontung gelöst? Jedesmal umbauen, ein extra-Raum, immer entfrontet? Klassen- oder Fachraumprinzip? Was ist deiner Erfahrung nach die beste Whiteboardgröße? Hast du Lust darauf im Podcast Retrospektiv ausgefragt zu werden zum Thema TC?

  3. Mega klasse, lieber Tom.
    Ich freue mich sooooo für dich, dass du diesen Schritt im System gehen kannst und Thinking Classrooms in deinem Mathe-Unterricht umsetzen möchtest, richtig tolle Idee!
    Kleiner Tipp von meiner Seite … Ich würde ko-kreative Teams bilden (anstatt Zufallsgruppen). Damit ermöglichst du allen SuS das Selbstwirksamkeitserleben und einen Teamerfolg.
    Und bei IQES online gibt es viele praktischen Unterrichtsmaterialien und Methoden (u.a. für das Thema Growth Mindset, Fehler – und Wertschätzungskultur) :))
    Schau gerne mal rein … Vielleicht hast du schon einen Account.
    Viel Erfolg – bin gespannt auf deine weiteren Beiträge. LG Sabine

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