Update Thinking Classrooms

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Nach längerer Zeit berichte ich wieder von meinen Erfahrungen mit dem Thinking Classrooms Ansatz. Die Pause lag nicht an mangelndem Interesse, sondern daran, dass ich im praktischen Einsatz ziemlich hart auf dem Boden der mathematischen Realität gelandet bin. Diese Realität hat mir gezeigt, dass der unmittelbaren Einsatz der reinen Thinking Classroom-Lehre für meine Lerngruppe vorerst größtenteils unpraktikabel ist. Warum?

Ein wesentlicher Punkt ist die unzureichende Fähigkeit vieler Schüler:innen, in zufällig zusammengestellten Teams konstruktiv zusammenzuarbeiten. Viele Schüler:innen ziehen sich, auch aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse, in der Gruppenarbeit zurück oder nehmen schlicht nicht teil. Hinzu kam die Herausforderung des sprachsensiblen Unterrichts. Viele Lernende haben bereits erhebliche Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache. Daraus ergibt sich, dass das Verbalisieren mathematischer Denkprozesse, Erklärungsansätze und Lösungsstrategien nicht automatisch gelingt, sondern für viele eine kaum überwindbare Hürde darstellt. Oftmals stellt aber bereits die Aufgabenstellung und die Kommunikation im Team eine sehr große Herausforderung dar, da einige Schüler:innen nicht über die Kompetenzen verfügen ihr Anliegen zu verbalisieren oder zu visualisieren.

Ich ging zunächst davon aus, dass das gemeinsame Arbeiten an der Herausforderung an den VNPS (vertical non-permanent surfaces), also am Whiteboard, diese sprachlichen Hürden kompensieren oder zumindest abmildern könnte. Das war meine optimitische Erwartung. Doch auch die Fähigkeit, eigene Gedanken mit dem Stift in der Hand visualisieren zu können, muss in vielen Fällen erst angebahnt werden.

Besonders deutlich zeigte sich das in der Einheit zu Flächeninhalt und Umfang. Dort war die Visualisierung, die das Denken unterstützen und voranbringen soll, durch die Schüler:innen nur in begrenztem Umfang möglich, obwohl ich das angenommen hatte.

Eine positive Beobachtung ist es, dass die Schüler:innen unabhängig davon die grundlegende Art und Weise der ritualisierten Vorgehensweise in der Methode Thinking Classrooms, die der Zufallsteams, die des Arbeitens im Stehen und die Struktur der Denkphasen erstaunlich schnell verstanden und verinnerlicht haben. Das zeigt mir, dass bestimmte Bausteine des Ansatzes durchaus tragfähig sind. Deshalb integriere ich momentan kleinere Elemente des Thinking Classrooms immer wieder in meinen Unterricht, insbesondere kurze gemeinsame Denkphasen innerhalb von Paaren oder kleiner Teams.

Parallel dazu möchte ich den Unterricht teilweise so umstrukturieren, dass einzelne Lernende am Whiteboard arbeiten werden, während andere zunächst individuell Grundlagen erarbeiten. In dieser Kombination soll mehr Raum entstehen, um Kompetenzen gezielt und individuell aufzubauen.

In den kommenden zwei Wochen werde ich aufgrund einer Personalratsschulung und einer weiteren Fortbildung an einer Landesakademie nicht vor Ort sein. Das ist organisatorisch nicht ideal, eröffnet aber eine Chance.

Die Schülerinnen und Schüler werden sich in dieser Zeit individuell ihr Wissensfundament unter anderem mit GeoGebra zum Thema Prozentrechnen arbeiten und können sich mit dem Schulbuch und weitere digitale Materialien, etwa von Anton und anderen Quellen, selbstständig weiterentwickeln und in das Thema einarbeiten.

Nach meiner Rückkehr möchte ich dann mit einem Thinking-Classrooms-Setting herausfinden und beobachten, welche Lernfortschritte erreicht wurden. Ich bin gespannt, welche Erkenntnisse sich aus dieser Einzelarbeitsphase ergeben und welche Anknüpfungspunkte sich dann für die weitere Umsetzung der kollaborativen Methode Thinking Classrooms ergeben werden.

Das Spannungsfeld: Denken lernen vs. schnelle mathematische Ergebnisse

Der Thinking-Classrooms-Ansatz zielt darauf ab, dass Schüler:innen tiefgreifend (mathematisch) denken lernen – durch Exploration, Verbalisierung und kollaborative Problemlösung. Das ist zeitintensiv und erfordert Geduld, sowie den Erwerb von Kompetenzen.

Gleichzeitig steht der Unterricht unter dem Druck, Lernstoff zu bewältigen und messbare Ergebnisse zu erzielen – besonders bei Schüler:innen mit Sprachbarrieren und Grundlagenlücken, wo jede Stunde zählt. Hier entsteht das Spannungsfeld: Sollen wir Zeit in umfassende Denkprozesse investieren, oder müssen wir effizienter zu mathematischen Ergebnissen kommen?

Meiner Meinung nach ist der Ansatz – die Kombination aus gezielten Thinking-Classrooms-Phasen, individualisierter Grundlagenarbeit und digitalen Werkzeugen – ein vielversprechender Weg, diesen Widerspruch nicht aufzulösen, sondern produktiv zu nutzen. Beide Ziele wichtig und beide brauchen Raum.

Demnächst mehr.

„Unsere größte Schwäche liegt im Aufgeben. Der sicherste Weg zum Erfolg ist immer, es noch einmal zu versuchen.“ Thomas A. Edison

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