Die Verteidigung des Alltags: Warum Widerstand beim „Nein“ im Kopf beginnt

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Wenn demokratische Strukturen unter Druck geraten, ist die größte Gefahr nicht die Gewalt von oben, sondern die stille Anpassung von unten. Die aktuellen Ereignisse in den USA und anderen Orten der Welt zeigen, dass die Demokratien sehr stark unter Druck sind (und anderswo schon sehr stark beschädigt oder schlicht nicht mehr vorhanden). Und doch gibt es zum Teil massiven zivilgesellschaftlichen Widerstand. Trotzdem verändert sich der Ton, es werden die Institutionen um- und abgebaut (z.B. die ICE-Gestapo) und Stimmungen erzeugt, es wird Angst geschürt. Man kann sich auf einmal auf vieles nicht mehr verlassen. Der Historiker Timothy Snyder erklärt in seinem Buch “Über Tyrannei”, dass die meisten Institutionen nicht einfach gestürzt werden. Sie fallen, weil wir sie im Stich lassen. Genau darum geht es. Die meisten Menschen passen sich an, noch bevor der Druck unerträglich wird. Sie antizipieren, was eine neue Macht hören will, und liefern es freiwillig. Doch wer sich heute fügt, um seine Ruhe zu haben, zeigt der Tyrannei morgen, was sie sich alles erlauben kann.

Also, bleibe dir treu, auch wenn es unbequem ist. Wenn du in deinem Umfeld merkst, dass sich die Sprache verroht oder Unrecht normalisiert wird, sei die Person, die nicht mitnickt. Gehorsam ist eine Wahl, keine Pflicht.

Übernimm Verantwortung für das Antlitz der Welt! Institutionen schützen uns nicht von selbst; wir müssen sie schützen. Ob es die Pressefreiheit, das Rechtssystem oder die Unabhängigkeit der Wissenschaft ist – diese Pfeiler der Freiheit brauchen Menschen, die sie besetzen und verteidigen. Schreibe Leserbriefe, schicke Mails an deine Bundestagsabgeordneten und die Poliltiker:innen in deinem Wahlkreis.

Berufe dich auf deine Berufsethik. Wenn du als Lehrkraft, im öffentlichen Dienst, in der Justiz oder in der Lehre arbeitest, erinnere dich an deinen Eid und deine Grundwerte. Sei bereit, Sand im Getriebe zu sein, wenn die Maschine beginnt, Unrecht zu produzieren. Widerspreche, argumentiere und, wenn es denn sein muss, remonstriere (Pflicht des Beamten, Bedenken gegen die Rechtmäßigkeit dienstlicher Anordnungen unverzüglich bei dem unmittelbaren Vorgesetzten geltend zu machen).

Um die Freiheit abzuschaffen, muss zuerst die Wahrheit abgeschafft werden. Wenn Fakten nichts mehr zählen, kann die Macht alles behaupten. Wer der Wahrheit entsagt, entsagt der Freiheit. Deswegen verwende eine präzise Sprache. Vermeide die Phrasen der Propaganda, reproduziere keinen Unsinn. Recherchiere selbst, unterstütze investigativen Journalismus und weigere dich, offensichtliche Unwahrheiten im Gespräch stehen zu lassen – egal, wie ermüdend die Gegenrede sein mag.

Zeige Mut im öffentlichen Raum. Autoritäre Regime wachsen in einer Atmosphäre der Angst und Vereinzelung. Wenn sich niemand mehr traut, offen zu widersprechen, entsteht die Illusion, alle seien einverstanden. Die schweigende Mehrheit ist der Ermöglicher. Also widerspreche.

Auch wenn du nicht davon überzeugt bist: Symbole und Präsenz zählen. Es macht einen Unterschied, ob du an einer Demonstration teilnimmst, einen Aufkleber an deinem Laptop hast oder dich öffentlich zu marginalisierten Gruppen bekennst. Sichtbarer Widerspruch bricht das Gefühl der totalen Kontrolle für alle Menschen, für die Stillen und Schweigenden wie für die Tyrannen.

Widerstand ohne Vision ist lediglich Erschöpfung. Wir kämpfen nicht nur gegen den Zerfall, sondern für eine Gesellschaft, in der wir uns ohne Angst in die Augen schauen können. Snyder erinnert daran, dass wir (leider) nicht schlauer sind als jene Generationen, die vor uns dem Faschismus oder Kommunismus erlegen sind – aber wir haben den Vorteil, aus ihrer Geschichte zu lernen.

Die Vision ist eine aktive Zivilgesellschaft. Das bedeutet konkret: Zusammenhalt durch Vernetzung. Suche dir Gleichgesinnte. Ein Netzwerk aus Freunden und Kollegen ist die beste Versicherung gegen die psychologische Zermürbung durch autoritären Druck.

Und deine Empathie ist politisches Programm! Wo die Macht Spaltung sät, müssen wir Brücken der Solidarität bauen – besonders zu jenen, die als Erstes ausgegrenzt werden. Wir lassen niemanden zurück.

So sieht es in Deutschland aus:

In Bayern fordert die AfD eine eigene Abschiebepolizei – ausdrücklich nach dem Vorbild von Trumps ICE. Zudem will sie eine „abendliche Ausgangssperre“ für „alle Asylbewerber“ umsetzen.

In Sachsen-Anhalt kündigt der Geheimtreffen-Teilnehmer und AfD-Ministerpräsident-Kandidat Siegmund eine „Abschiebeoffensive“ an. Pläne dafür stellen zentrale demokratische Grundwerte infrage.  Zuletzt besuchte er Rechtsaußen-Parteien im Ausland, um sich Tipps fürs Regieren zu holen.

Das Fundament unserer Freiheit ist nicht aus Stein, sondern aus unserem täglichen Handeln gemauert. Wenn wir uns weigern, vorauseilend die Knie zu beugen, und stattdessen die Hand des Nachbarn ergreifen, sind wir widerständig und wehren uns. Snyder wird in seinem Buch „Über Tyrannei“ sehr viel drastischer. Er endet er mit dem Kapitel „Sei so mutig wie möglich“ mit diesem einen Satz „Wenn niemand von uns bereit ist, für die Freiheit zu sterben, dann werden wir alle unter der Tyrannei umkommen.”.

Im Gedenken an alle Opfer von Faschismus und autoritären Regimen – von der Türkei über den Iran bis Syrien – sowie in Erinnerung an jene, die aktuell durch staatliche Gewalt ihr Leben verloren, wie Isaias Sanchez Barboza, Keith Porter Jr., Renée Good und Alex Pretti in den USA.

“Über Tyrannei“, Zwanzig Lektionen für den Widerstand, Timothy Snider

Foto: Markus Spiske, Pexels, kostenloser download (Danke!)

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