In einer modernen Lernkultur wird aus einem „Spickzettel” ein wirkkräftiger Teil des Wissensnachweises. Der von Schüler:innen vor dem Wissensnachweis selbst erstellte One-Pager ist weit mehr als eine Gedächtnisstütze oder Spicker– er fördert und fordert tiefere kognitiver Durchdringung.
Das klassische Auswendiglernen hat ein Ablaufdatum, meist den Zeitpunkt nach dem Wissensnachweis. Der One-Pager zwingt die Lernenden zur aktiven Wissenskonstruktion. Da der Platz auf einer DIN-A4-Seite begrenzt ist, müssen die Schüler:innen überlegen: “Was ist wichtig?” und reduzieren: “Wie formuliere ich die Informationen so, dass sie mir hilfreich sind?”. Ebenso rekapitulieren sie, was sie bereits an Wissen haben.
Das Prinzip der „offenen Ressourcen“ ist spätestens seit der Open-Book-Klausur ein bewährtes Konzept. Das Ziel ist bei beiden Ideen identisch: Es geht nicht um die Abfrage von gespeichertem Faktenwissen, sondern um die Anwendung und den Transfer. Wie bei einer Open-Book-Klausur verschiebt sich der Anspruch der Fragen aber auch nach oben. Wenn die Definitionen und Formeln vorliegen, können (und müssen) die Aufgaben tiefer gehen. Es wird nicht mehr gefragt: „Was ist X?“, sondern: „Wie löst du Problem Y mithilfe von Prinzip X?“
Das Bemerkenswerte am One-Pager ist oft, dass die Schüler:innen ihn in der Prüfung oft wenig oder kaum noch brauchen. Der Erstellungsprozess ist eine so intensive Form der Elaboration (Verknüpfung von neuem mit vorhandenem Wissen), dass die Inhalte bereits während des Schreibens und Gestaltens tief im Langzeitgedächtnis verankert werden. Und zu guter Letzt schützt der One-Pager vor Prüfungsangst.
Die Schüler:innen haben 30 Minuten Zeit vor dem Wissensnachweis ihren individuellen One-Pager fertigzustellen und dann als externe Festplatte zu nutzen. Somit wird wieder Arbeitsspeicher frei.

In einer Welt, in der Wissen überall und jederzeit verfügbar ist, ist die Fähigkeit zur Informationsverdichtung eine Schlüsselkompetenz. Den One-Pager als Hilfsmittel zuzulassen, bedeutet imho, die Realität des 21. Jahrhunderts in den Bildungsraum zu holen. Somit prüfe ich nicht die Speicherkapazität der Lernenden, sondern ihre Fähigkeit, mit Wissen sinnvoll arbeiten zu können.
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