Ich bin ein Mann. Über 50 Jahre alt, Vater, Ehemann, Opa. Ich schäme mich. Ich schäme mich in Grund und Boden und bin zugleich unfassbar wütend darüber, was Männer Frauen angetan haben und antun. Ich bin entsetzt darüber, was Männer dem Planeten, Ländern und anderen Menschen antun. All dieser Hass, diese Unmenschlichkeit und dieser schreckliche Egoismus sind so unfassbar, dass mir die Worte fehlen. Wie könnt ihr nur so sein?
Christian Ulmen, Till Lindemann, Andrew Tate, Donald Trump, Harvey Epstein und all die anderen, ihr seid alle böse. So abgrundtief böse, dass ich euch Dinge wünsche, die ein aufgeklärter, zivilisierter Mann nicht wünschen sollte. Während ich das denke, läuft in meinem Kopf: „The roof is on fire, let the motherfuckers burn. Burn, motherfucker, burn.“
Das geht raus an alle Männer, die nicht so sind. An alle, die sich als Mann fühlen und Teil der Lösung sein wollen: Teil einer Gesellschaft, in der sexuelle Gewalt, Missbrauch, Identitätsdiebstahl, Machtmissbrauch, Hassrede, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und jegliche -ismen keinen Platz haben.
Während Manosphere-Influencer wie Andrew Tate („Man kann Frauen programmieren“) oder die gefährlichen Neonazis der AfD die Lücken füllen, die orientierungsbedürftige Männer anscheinend haben und gefüllt haben möchten („Echte Männer sind rechts“), fehlt es besonders den jungen Männern – aber auch den alten Männern – an positiven männlichen Role Models. Ja, Pedro Pascal fällt mir da auch ein, aber das kann ja nicht alles sein. Wo sind die positiven Role Models im Dorf, in der Disco, in der Schule? Und vor allem: Wo sind sie im Internet?
Es liegt in unserer Hand. Wir müssen in diese Räume gehen und uns dessen bewusst sein, dass wir eine Wirkung haben. Wir sind verantwortlich. Wir sind es, die sich den Tätern stellen müssen. Wir müssen Male Allies sein. Ein Male Ally (ein männlicher Verbündeter) zu sein heißt, endlich die Klappe aufzumachen, wenn im Sportverein, in der Kneipe oder in der WhatsApp-Gruppe die Grenzen des Anstands überschritten werden. Es ist die Pflicht, nicht länger wegzusehen, wenn Macht missbraucht wird, sondern sich schützend vor diejenigen zu stellen, die von diesen Arschlöchern missbraucht, ausgenutzt, ausgegrenzt, mies behandelt oder klein gemacht werden.
Es ist der bewusste Entschluss, ein positives Role Model sein zu wollen – einer, der Empathie zeigt, der zuhört und der kapiert hat, dass wahre Stärke darin liegt, Privilegien zu teilen, statt sie festzukrallen. Wir müssen in die dunklen Ecken des Internets und in die Köpfe der orientierungslosen jungen Männer vordringen, bevor die Tates und die Hetzer sie mit ihrem Hass vergiften. Wir müssen in unserem Umfeld, in unserem Sozialraum und in unserem beruflichem Umfeld aktiv werden und uns positionieren. Vor Allem aber müssen wir laut und sichtbar sein.
Im Jahr 2016 äußerte sich die ehemalige First Lady der USA, Michelle Obama, mit den Worten: “When they go low, we go high!” Damit meinte sie, dass es von entscheidender Bedeutung ist, auch unter schwierigen Umständen Empathie und Anstand zu wahren. Nie war das wichtiger als heute.