Gedanken zu den Schulöffnungen

Jetzt sollen es also, nahezu unabhängig von der unsäglichen Pandemie (und den Gefahren), die Schulen wieder öffnen. Sicher, dem überwiegenden Großteil der Kinder und Jugendlichen geht es nicht gut. Beengte Verhältnisse, wenig Kontakt zu Gleichaltrigen, vielleicht ein schwieriges Elternhaus.

Das gesamte gesellschaftliche System kümmert sich seit Jahrzehnten recht wenig um die Belange von Kindern und Jugendlichen, da macht die Pandemie keine Ausnahme.

Seit jeher soll die Schule eigentlich fast alles richten, das ist bekannt. Und jetzt macht sich die Schule auf das Land zu retten. Endlich wieder zurück ins System vor der Pandemie! Wie es anders gehen könnte, das habe ich hier schon mal überlegt.

Es zeigt sich deutlich, dass die Institution Schule sehr verzerrt wahrgenommen wird. Die Politik spricht von Schulschließungen und nahezu unaufholbaren Lücken, ja, da geht mir das Messer in der Tasche auf. Sicher gibt es Schulen, an denen die Lehrenden eher durch Abwesenheit glänzten im Fernunterricht. Sicher gibt es auch Schulen, an denen der Fernunterricht nicht optimal lief. Aber daraus könnten wir doch lernen.

Wenn jetzt Stimmen laut werden, dass man ja zum Vorher zurückkehren möge, weil da ja alles besser war, dann könnte ich schreiend weglaufen. Möge die Bildungslandschaft in Deutschland alle positiven (und negativen) Erfahrungen anschauen, bewerten und besprechen und dann daraus ein Manifest für zeitgemäße Bildung ableiten und umsetzen. Was spricht nicht dafür, dass in Zukunft ältere Schüler:innen in bestimmten Zeitfenstern von zuhause lernen? Warum, um Gottes Willen, nicht all diese jetzt erworbenen Kompetenzen des selbst organisierten Lernens vertiefen und anwenden?

Schulschließungen und Schulöffnungen als Mittel politischer Kommunikation einzusetzen ist fragwürdig. Aber lassen wir das.

Der Wunsch der Kinder und Jugendlichen, ganz unabhängig von möglichen schwierigen Einflüssen, ist ein ganz einfacher: sie wünschen sich sozialen Kontakt zu Gleichaltrigen im Lebensraum Schule. Darüber hinaus müssen sich, sobald es geht, die Jugendarbeiter, die Jugendämter, die Anlaufstellen und die Streetworker:innen auf machen sich denen anzunehmen, bei denen die Situation zuhause schwierig oder noch schlimmer war und vielleicht immer noch ist.

Es geht darum, dass wir ab Montag, wenn wir unabhängig vom Weltgeschehen im Präsenzunterricht sind, uns den Kindern und Jugendlichen annehmen und eben nicht vermeintlich verpassten Stoff versuchen in Druckbetankung einzuflößen. Es geht vielmehr darum uns den Kindern und Jugendlichen anzunehmen, ihnen ein Stück Normalität zu geben und ihnen das zu ermöglichen, was sie lange Zeit nicht hatten (und vielleicht auch in absehbarer Zeit abermals vermissen werden): Kontakt zu Gleichaltrigen in der peer und außerhalb der Familie. Diesen müssen wir gestalten und zelebrieren.

Fast ausschließlich stofforientierten Unterricht hatten sie imho nahezu die ganze Zeit (Ausnahmen bestätigen immer die Regel). Jetzt geht es um persönliche Annahme und Raum für Reden, zusammen sein, jammern, sich freuen, lachen, fragen, trauern, berichten, still sein, diskutieren und so vieles mehr.

Die (Bildungs-)Politik ist dringend aufgefordert aus dieser schwierigen Situation mehr mitzunehmen als das Mantra des endlich wieder stattfindenden Unterrichts (ES FAND IMMER (FERN-)UNTERRICHT STATT!) und in naher Zukunft Antworten auf diese wichtigen Fragen zu geben:

  • Wann wird der Zugang zum Internet und ein Endgerät verbindlicher Standard für schulpflichtige Kinder?
  • Wie werden Kinder und Jugendliche an Entscheidungen der Politik insbesondere in Krisen beteiligt?
  • Wie werden Kinder und Jugendliche in Zukunft in Schulen in Krisen am handling derselbigen beteiligt?
  • Wie werden die Kultusministerien aus der Krise lernen und die gesamten Erfahrungen aus dem Fernunterricht auswerten und gemeinsam mit Expert:innen aus der Praxis in die kommenden Bildungspläne und weiteren Überlegungen einfließen lassen?

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