Challenges – Gefährliche (Ohnmachts-)Spiele

Lesedauer ca. 4 Minuten

Mutproben sind Teil der Kindheit und des Jugendalters. “Obwohl es auch harmlose Mitmachaufrufe, wie beispielsweise Tanz-Herausforderungen gibt, tauchen immer wieder Internet-Challenges auf, die mit gesundheitlichen Risiken verbunden sind. Die “Cinnamon Challenge”, bei der ein Löffel Zimtpulver geschluckt werden sollte, führte bei vielen teilnehmenden Personen zu Husten, Verschlucken und sogar akuter Atemnot sowie allergischen Reaktionen. Die “Salt & Ice Challenge” wiederum hatte es zum Ziel, bewusst Kälteverbrennungen hervorzurufen und auszutesten, wer den Kälteschmerz am längsten aushält. Bei der “Choking Challenge” sollten Jugendliche sich selbst bis zur Bewusstlosigkeit würgen. Dabei kam es sogar zu Todesfällen.”4

Für Kinder und Jugendliche ist es nicht ungewöhnlich, sich bestimmten Herausforderungen zu stellen und dabei vielleicht auch manchmal leichtsinnig zu handeln. Der Vergleich mit anderen Jugendlichen, der Wunsch ein anerkannter Teil der Gruppe zu sein und sich außerdem als besonders mutig, lustig oder cool hervorzutun, ist im Jugendalter ein ganz normaler Prozess: Die Anerkennung Gleichaltriger zählt dabei häufig mehr als die Zustimmung der Erwachsenen. 

Ganz aktuell ist die sogenannte “Deo-Challenge”. “In den Sozialen Medien kursiert derzeit mit der „Deo-Challenge“ ein gefährlicher Anreiz zur missbräuchlichen Anwendung von Deodorants. Die Teilnahme wird insbesondere von Jugendlichen als Mutprobe aufgefasst und entsprechend mit Fotos und Videos dokumentiert. Von besagter Challenge sind zwei Varianten dabei besonders verbreitet. Bei der ersten soll man das Deo so lange auf ein und dieselbe Hautstelle sprühen, wie man es auszuhalten vermag. Es können im Extremfall innerhalb weniger Sekunden Temperaturabsenkungen auf bis zu –30 °C erreicht werden. Dabei entstehen je nach individueller Empfindlichkeit Schmerzen und im schlimmsten Fall massive Hautschädigungen. Bei der zweiten Variante wird sogar zum Einatmen des Deosprays angeregt, was unmittelbar zu Bewusstseinsverlust, Herzversagen und Atemlähmung führen kann. Inzwischen werden medial auch schon Todesfälle von Jugendlichen in Deutschland mit der „Deo-Challenge“ in Verbindung gebracht. Daher rät das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) altersunabhängig allen Personen von einer Nachahmung dieser stark gesundheitsgefährdenden und mitunter lebensbedrohlichen Aktionen ab.”, so das Bundesinstitut für Risikobewertung. Die komplette Mitteilung findest du hier. Dieser Trend ist aber auch nicht neu, wie dieser Artikel aus der Brigitte zeigt. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass dieser sich wiederholende Trend gefährlich ist.

Der schreckliche Fall des 10jährigen Mädchen aus Italien aus 2021, welches bei einer Challenge durch Selbststrangulation im Rahmen der Blackout Challenge auf TikTok zu Tode kam, wurde medial so dargestellt, als ob es sich um eine neue Entwicklung oder um einen Trend von TikTok handeln würde.

Das ist nicht richtig. Die “Blackout Challenge”, auch bekannt als das sogenannte „Ohnmachtsspiel“ (auch „Pilotentest“, “Indischer Traum” oder “Würgespiel”) ist mindestens seit 1995 wissenschaftlich dokumentiert.

“(..) aus Sicht des Hannoveraner Psychologen Wolfgang Bergmann ist der Wunsch nach Rauschzuständen, Grenzerfahrung und Entfernung von der Realität das, was die Jugendlichen an Würgespielen reizt. „Einen ähnlichen Charakter haben Selbstverletzungen oder Komasaufen.“ 1

Ich selbst kenne diese Praktiken aus meiner Arbeit als Straßensozialarbeiter. Neu ist, dass immer jüngere Kinder und Jugendliche durch Apps wie TikTok oder Instagram erreicht werden können. Es ist sehr wichtig, diese Challenges, die zum Teil sehr gefährlich sind, mit Kindern und Jugendlichen zu besprechen. Die von Kindern und Jugendlichen erstellten Videos können auch außerhalb von von sozialen Medien Kinder und Jugendliche erreichen.

Gefunden auf www.gutefrage.net

Jugendschutz.net schreibt zu selbstschädigendem Verhalten im Jahresbericht 2019: “jugendschutz.net dokumentierte 2019 insgesamt 151 Fälle, in denen zu gefährlichen Mutproben mit Wettbewerbscharakter aufgefordert wurde. Die meisten fanden sich bei YouTube (37), TikTok (35), Instagram (32) und Facebook (28). Videos von missglückten Versuchen bekommen oft mehr Klicks als erfolgreiche. Sie führen auch zu Spott und Schadenfreude, vor allem in den Kommentaren.” 2

Im Jahresbericht 2020 heißt es:

“Das Ausreizen und Testen von Grenzen und das Eingehen von Risiken, beispielsweise in Form von Mutproben, gehören zur normalen Entwicklung vieler Kinder und Jugendlicher. Seit mehreren Jahren finden sich Inhalte zu Risikoverhalten verstärkt auch im Netz. In Social Media teilen Userinnen und User Inhalte, die riskante Handlungen positiv darstellen und/oder zur Nachahmung auffordern. Zur Veröffentlichung werden vor allem video- und bildbasierte Dienste wie TikTok, YouTube oder Instagram genutzt.”3

Die Schulen stehen in der Verantwortung selbstverletzendes/selbstschädigendes Verhalten und die Challenges zu thematisieren und zum Unterrichtsinhalt zu machen. Diese Challenge ist zudem nur eine unter vielen gefährlichen “Herausforderungen”, die on- und offline an die Kinder und Jugendlichen herangetragen werden können. Von entzündliche Flüssigkeiten auf der eigene Haut entzünden bis zur sogenannten Tide Pod Challenge, bei der man auf giftige Waschmittelpods beißen sollte. Zudem ist selbstverletzendes Verhalten bei Kindern und Jugendlichen keine harmlose Modeerscheinung und keine zu vernachlässigende pubertäre Phase. Es ist als ernst zu nehmendes Zeichen einer krisenhaften Entwicklung zu sehen (siehe Klicksafe). Klicksafe hat im Jahr 2022 eine Seite zu  selbstverletzendem Verhalten veröffentlicht, welches ich euch hier dringend ans Herz lege. Es ist nicht nur inhaltlich gut, sondern auch ausführlich.

Nochmal www.gutefrage.net

🙍‍♀️ 🙍 🙍‍♂️ Bist du eine Schüler:in? Hast du Sorgen oder Kummer wegen einer Challenge? Dann wende dich doch an die Nummer gegen Kummer. Die Nummer ist 116 111 und die Webseite findest du hier 👉 NummergegenKummer

Du kannst dich hier auch onlinen beraten lassen.


Linkliste

Selbstverletzung bei Jugendlichen, klicksafe, 2022

Servicestelle Kinder- und Jugendschutz, 2021

Video zu Ohnmachtsspielen bei Kindern: https://www.spiegel.de/video/wuergen-bis-zum-tod-ohnmachtsspiele-bei-kindern-video-1074044.html

Web-Archiv Hamburger Abendblatt 2001: https://web.archive.org/web/20140728061805/http://www.abendblatt.de/archiv/article.php?xmlurl=/ha/2001/xml/20010124xml/habxml010103_6810.xml

Mimikama 20126: https://www.mimikama.at/aktuelles/the-choking-game-gefaehrliches-spiel/

Wikipedia dazu: https://de.wikipedia.org/wiki/Ohnmachtsspiel

Quelle 1: https://www.welt.de/gesundheit/article13778266/Wuergespiele-ueben-grossen-Reiz-auf-Jugendliche-aus.html (2011)
QUelle 2: https://www.jugendschutz.net/fileadmin/download/pdf/bericht2019.pdf

Quelle 3: https://www.jugendschutz.net/fileadmin/download/pdf/Bericht_2020_Selbstgef%C3%A4hrdung.pdf

Quelle 4: https://www.ins-netz-gehen.info/soziale-netzwerke/internet-challenges-tipps-fuer-eltern/

kicksafe dazu; https://www.klicksafe.de/service/aktuelles/news/detail/selbstgefaehrdung-im-netz-problematische-challenges-und-mutproben/

Titelbild von Anemone123 auf Pixabay

4 Kommentare

  1. “Die Schulen stehen in der Verantwortung selbstverletzendes/selbstschädigendes Verhalten und die Challenges zu thematisieren und zum Unterrichtsinhalt zu machen.”

    Misbruik de dood van een 10-jarig kind niet als gevaar waar jouw handel tegen beschermt? Zet scholen niet neer als de ‘verantwoordelijken’ voor de dood van kinderen!

    Het is prima dat je vertelt waar deze challenge vandaan komt en hoe dat onderzoek in elkaar zit. Interessante geschiedenis. Maar kinderen op individueel niveau beschermen is de wettelijke taak van de ouders. Daar zijn scholen niet voor.

    Verzin een andere manier om je handel aan scholen te verkopen, doe dat niet door angst te zaaien. Angst is een slechte raadgever…

    Succes!

    1. Missbrauchen Sie den Tod eines 10-jährigen Kindes nicht als eine Gefahr, gegen die Ihr Gewerbe schützt? Stellen Sie die Schulen nicht als die “Verantwortlichen” für den Tod von Kindern dar!

      Es ist gut, dass Sie uns sagen, woher diese Herausforderung stammt und wie die Forschung durchgeführt wurde. Interessante Geschichte. Der Schutz der Kinder auf individueller Ebene ist jedoch die gesetzliche Pflicht der Eltern. Dafür sind die Schulen nicht da.

      Finden Sie einen anderen Weg, Ihr Unternehmen an Schulen zu verkaufen, und tun Sie es nicht, indem Sie Angst verbreiten. Angst ist ein schlechter Ratgeber…

      Viel Glück!

      Übersetzt mit DeepL (https://www.deepl.com/app/?utm_source=ios&utm_medium=app&utm_campaign=share-translation

      Meine Antwort: Ich missbrauche gar nichts für Werbung für ein Unternehmen. Es geht mir darum, dass Pädagog:innen Kenntnis haben und diese Gefahren im Unterricht thematisieren und ihren Teil dazu beitragen, dass solche schrecklichen Fälle nicht vorkommen.

  2. Das “Spiel” ist mir aus meiner eigenen Jugend bekannt, es ist weit älter als im Artikel angegeben. Ich habe es in einer Jugendgruppe Mitte der 70er Jahre beobachten können.

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