Fazit inmitten der Pandemie

Moodle down. Kolleg:innen am Limit. Bildungsminister:innen uneins bis unverständlich. Verlogene Debatten über Bildungsungerechtigkeit. Schüler:innen ohne Endgeräte und Internetzugang.Was muss sich ändern am Bildungssystem? Wie sieht meine Schule der Zukunft aus?

Als ehemaliger Streetworker, jetzt Fachoberlehrer und Vater von drei Töchtern (zwei in der Schule und eine im Berufsleben) habe ich das Bildungssystem aus vielen Blickwinkeln erleben können.

Das Bildungssystem, welches ich mir wünschen würde, es ist ganz anders als das aktuelle. Vielleicht wäre es sogar eine Revolution. Es ähnelt vom Aufbau dem in Skandinavien. Die Kinder und Jugendlichen lernen gemeinsames bis zur neunten Klasse, anschließend kann man auf einen weiterführenden Zweig in Fach- und Berufsschule gehen oder sich auf das Studium im gymnasialen Zweig vorbereiten. Man kann nicht sitzenbleiben. Jede Schule hat eine Praxisklasse, die speziell für Schüler:innen mit herausforderndem Verhalten angeboten wird. Alle Schüler:innen, die Schwierigkeiten beim Lernen (oder woanders) haben, erhalten eine pädagogische Fachkraft zur Seite gestellt.

Wie werden wir Schüler:innen auf kommende spezialisierte Arbeitsstellen (z.B. CNC) vorbereiten? Einfache Arbeiten, die leicht digitalisiert werden können, werden automatisiert und von Maschinen durchgeführt (werden). Welche Kompetenzen brauchen die Schüler:innen in den nächsten Jahren? Welche Maschinen müssen gegebenenfalls bedient werden? Wie kann Schule diese Kompetenzen abbilden? Die Schule der Zukunft kann dies durch praxisnahen Unterricht gewährleisten, auch durch den Einsatz von Fachleuten aus dem Handwerk und der Wirtschaft. Die reine theoretische Ausbildung auf den Beruf der Lehrer:in wird wesentlich praxisnaher und pädagogischer werden.

Das gesamte Schulsystem ist kostenfrei, das bedeutet alle Ausflüge, Schullandheime, Hardware, Mittagessen u.a. ist für die Schüler:innen in der Grundstufe kostenlos.

Die Grundstufe ist eine Ganztagesschule, die nachmittags Projektarbeit (geniushour), AGs und Sport anbietet. Der Unterricht erfolgt im Projektunterricht, epochalem und vernetztem Unterricht und Freiarbeit. Auch Makerspaces werden angeboten und können von Schüler:innen für ein langfristiges Projekt, welches sie gemeinsam mit Erwachsenen planen und durchführen. In Klasse 8 stellen sich die Schüler:innen einer Herausforderung, die sie gemeinsam planen und bewältigen – ohne Lehrer:innen.

Die Schule beginnt und endet in Gleitzeit.

Prüfungen finden nicht mehr so statt, wie sie heute gefordert werden. Sie werden durch Jahresarbeiten ersetzt, die gemeinsam mit den Schüler:innen festgelegt werden.

Die Schulentwicklung erfolgt durch die Schulvollversammlung (Schüler:innen, Lehrer;innen, Eltern), in der alle wichtige Themen besprochen, weiterentwickelt und beschlossen werden.

Die Schulen erhalten ein festes Budget und können sich selbst verwalten. Festgeschrieben sind im Bildungsplan zu erreichende Kompetenzen, den Lernstoff legen die Schulen selbst fest. Lehrer:innen unterrichten grundsätzlich in Tandems (Lehrer:in + Erzieher:in), jede Schule hat Fachleute aus allen Disziplinen im Haus.

Die Lehrer:innenausbildung hat mehr Pädagogik zum Inhalt. Ganz besonders wenn wir über die Kultur der Digitalität nachdenken. 2017 habe ich folgendes dazu geschrieben:

„Vom Lehrenden zum Coach

Gelingende Bildung hat sehr viel mit Pädagogik zu tun. Dennoch fristen Erziehung und Beziehungsarbeit heute nach wie vor ein Schattendasein in der Lehrerbildung. Hier gälte es, den neuseeländischen Bildungsforscher John Hattie ernst zu nehmen, der das simple wie deutliche “what teachers do matters” formulierte. Die äußeren Strukturen hätten nichts mit dem Erfolg von Lernen zu tun. Wenn der Lehrende erfolgreich sein wolle, so Hattie, müsse er sich als Regisseur, als “Activator” verstehen. Für immanent wichtig hält Hattie die emotionale Seite des Lernens, Respekt und Wertschätzung, Fürsorge und Vertrauen.

Auch im Klassenzimmer der Zukunft wird der Lehrende derjenige sein, der verantwortlich ist für die Motivation der Lernenden, der es schafft jenseits des Einflusses der KI (und der globalen Firmen, die dahinterstehen) Themen zu setzen, und vor allem derjenige, der für das Mit- und Zwischenmenschliche im Klassenzimmer verantwortlich ist. Die Hauptaufgabe der Lehrenden im Klassenzimmer der Zukunft könnte das Coaching sein, also das Begleiten und Beraten der Lernenden. Durch den Einsatz von KI wird voraussichtlich viel Zeit frei werden. Diese Zeit könnte im Coaching sehr effektiv eingesetzt werden.

Dafür wäre eine komplette Neuausrichtung der Lehrendenausbildung erforderlich. Pädagogische und psychologische Kompetenz, Coaching- und Präsentationsfähigkeiten, Kreativität und kritisches Denken, Empathie, Toleranz, Widerstandsfähigkeit, Courage sowie eine in sich ruhende Persönlichkeit würden Vorrang vor Fachwissen haben. Die KI wird zumindest nicht mehr in diesem Jahrhundert in der Lage sein, die soziale Komponente des Lernens zu übernehmen. Dem deutschen Neurobiologen Gerhard Roth zufolge gibt es keinen Grund zu glauben, dass eine typische künstliche Intelligenz von menschlichen Gefühlen bewegt sein würde: Diese komplexen evolutionären Anpassungen müsste man ihr erst mit viel Zeit und Mühe einprogrammieren. Genau diese für unser Zusammenleben wichtigen “soft Skills“ werden daher noch mehr in der Verantwortung der Lehrenden liegen. Es wird maßgeblich darum gehen, Fragen zu stellen, die eine künstliche Intelligenz nicht stellen wird oder beantworten kann. Und noch viel wichtiger wird es sein, Antworten auf Fragen zu geben, die sich nur der Mensch stellt.“ (Veröffentlicht hier)

Der Mensch wird in den Mittelpunkt rücken. Den Mittelpunkt werden nicht mehr Prüfungen einnehmen, die selbst in einer nie dagewesenen Pandemie das Wichtigste überhaupt zu sein scheinen. Den Mittelpunkt werden nicht mehr Wissensnachweise einnehmen, die Vergleichbarkeit zum Inhalt haben. Der Mittelpunkt wird der Mensch sein. Und nicht das, was er an zu erwartendem Output für die Wirtschaft liefern wird.

5 Kommentare

  1. Hallo Tom, bin voll bei dir, aber ich bezweifle, dass mir das in meinem letzten Schuljahr vergönnt ist, das erfahren zu dürfen. Tom vor Präsident Gruß Dieter

  2. Lieber Tom,
    wo machen wir diese Schule auf? Ich bin dabei und würde die Oberstufe leiten. Du sprichst mir so aus dem Herzen. Ganz tolle Worte! Danke fürs teilen.
    Herzliche Grüße
    Ivo

    1. Lieber Ivo, du bist sehr willkommen dabei! Ich würde entweder am Bodensee eröffnen oder in einen Brennpunkt gehen. Danke für dein Feedback. Und wenn du Sponsoren gefunden hast, melde mich!

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