Kollektivstrafen in der Schule

Ich arbeite viel in der LehrerInnenfortbildung und komme recht ordentlich rum. Über die Jahre hat man da auch schon viel gesehen, erlebt und erzählt bekommen.

Ich bin wieder einmal, erstaunlicherweise, erschüttert über die erschreckende Unprofessionalität von einzelnen Lehrenden.

Im konkreten Fall geht es um eine Kollektivstrafe und zwar um Nachsitzen für die gesamte Klasse. Diese Strafe stehe an, wenn sich die oder der TäterIn nicht freiwillig melde, so die Drohung. Das Vergehen? Es wurde ein finanziell nicht erwähnenswerter Unterrichtsverbrauchsgegenstand Am Ende der Stunde nicht ordnungsgemäß in den dafür vorgesehenen Behälter gelegt. Was für eine Pädagogik, was für ein Menschenbild steckt dahinter, wenn eine gesamte Gruppe dafür bestraft werden soll, weil ein Kind etwas tut, was nicht den Regeln entspricht?

Das Schulgesetz BaWü §90 sagt, dass bei allen Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit zu beachten ist. Ist es verhältnismäßig, wenn Lernende, die völlig unwissentlich bestraft werden sollen für eine Bagatelltat, von der sie keinerlei Kenntnis haben? Muss denn nicht

PädagogInnen müssen die Unschuldsvermutung über den unbegründeten Verdacht stellen. Vertrauen ist die Grundlage jedweder Beziehung, die die Grundlage für Erziehung und zu guter Letzt Bildung bildet.

Die Hilflosigkeit, die hinter einem solchen Verhalten an einer allgemeinbildend Schule steht, muss gesehen werden. Es müssen in einem solchen Fall Gespräche geführt werden und alternative Verhaltensweisen und pädagogische Methoden erlernt und eingesetzt werden. Aber nur weil man etwas nicht besser weiß wird es nicht entschuldbar. Ich setze voraus, dass Lehrende an Schulen das schlichtweg besser können MÜSSEN. ich werde aber leider immer wieder eines Besseren belehrt.

Was können wir also tun?

Wir müssen zuallererst einmal immer wieder einschreiten wenn Negativität und globale Zuschreibungen die Runde machen wie „Die Klasse XY ist schon immer so!“, „Der ABC war als Kind schon so aggressiv und schwierig..“ oder „Was will man von UVW denn schon Anderes erwarten?“. Die self-fulfilling-prophecy bewirkt auch hier wieder ihre eigene Erfüllung. Die Lehrenden agieren im Sog dieses gemeinsamen Mantras zum Beispiel der schwierigen Klasse so im Kontakt mit der Klasse, dass sich die Vorhersage auch erfüllt. In Folge dessen fühlen sie sich bestätigt und die Position erhärtet sich.

Es fällt um so vieles leichter im Sog des Jammerns, Maulens und Schuld zuweisens mitzumachen, genau das darf aber nicht geschehen. Wir müssen widersprechen, uns einmischen, Positives herausstellen. Wir müssen uns zum Anwalt der SchülerInnen machen.

Wir brauchen wieder mehr positives Denken in der Schule, mehr Zutrauen in die Lernenden und uns Selbst, wir müssen die Konzentration auf die Defizite aufbrechen und uns auf die Kompetenzen konzentrieren. Wir müssen Stärken stärken. Schatzsuche statt Fehlersuche.

Und stark machen wir niemand, wenn wir ihn oder sie unverhältnismäßig und unschuldig eine Strafe androhen oder sogar bestrafen. Wir machen die Kinder mit solchen Handlungen schwach.

In weiteren Schritten muss ein Schulentwicklungsprozess einsetzen, der auch wegen der digitale Transformation dringend notwendig ist, der sich mit demokratischer Schulkultur auseinandersetzt, die anders vorgeht in Konfliktfällen wie beispielsweise mechanische Strafen wie „Schreibe einhundertmal >Ich darf keinen Kaugummi kauen<„ zu verordnen.

Wir brauchen eine Schulkultur, die auf Partizipation setzt. Eine Schulkultur, in der sich alle am Schulleben Beteiligten eines Tages auf Augenhöhe als miteinander und voneinander Lernende begegnen.

Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.